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Aktivierung und Pflege gehören zusammen

Alters- und Pflegeheim Promulins

Aktivierung und Pflege gehören zusammen

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Alters- und Pflegeheim Promulins

Aktivierung und Pflege gehören zusammen

Sommer 2017
Doris Tanzer arbeitet seit fünf Jahren im Alters- und Pflegeheim Promulins in Samedan. Zu Beginn in der Pflege und seit drei Jahren als Leiterin Aktivierung. Wir haben Doris Tanzer bei einer Gedächtnistraining-Lektion begleitet und mit ihr über die Pflege der Zukunft gesprochen.

«Ich muss mir richtig etwas einfallen lassen. Mittlerweile kennen sie ­meine Tricks!», sagt Doris Tanzer schmunzelnd, kragselt auf den Tisch und klebt die rote Ratankugel mit doppelseitigem Klebeband an der Zimmer­decke fest. Drei weitere ­Kugeln versteckt sie unter der Malstaffelei, über dem Bilderrahmen und zwischen der selbstgebastelten Fensterdekoration. Hier, im Trainingsraum vom Altersheim Promulins, findet am Mittwochmorgen die Lektion für Ge­dächtnis­training mit Doris Tanzer als Leiterin Aktivierung statt. Das Ziel dieser Betreuungsmassnahme ist es, auf spielerische Weise die kognitiven Fähigkeiten der Bewohner zu erhalten und zu fördern. So zum Beispiel mit dem Such- und Versteckspiel der Ratankugeln. Im September habe sie für das Aktivierungsprogramm zudem eine Rikscha von der Organisation «Radeln ohne Alter» erhalten. «Ich bin mit den Bewohnern überall herumgefahren. Sie winkten den Passanten zu und hatten unglaublich Spass! Das war ein besonders schönes ­Erlebnis», erzählt die 33-Jährige freudestrahlend. «Doch Aktivierung heisst nicht, dass du mit den Bewohnern ständig aktiv sein musst», führt die gebürtige Südtirolerin aus. «Für die Bewohner da zu sein, menschlich und bodenständig zu sein, ist ebenso wichtig. Das heisst, ihre Hand zu halten, sie anzuschauen, zuhören oder einfach dazusitzen und nichts zu sagen.» 

Such- und Versteckspiel

Um 10 Uhr ertönt die Klingel im Altersheim Promulins: Zeit für das Gedächtnistraining. Pünktlich versammeln sich sechs Bewohnerinnen um den grossen Tisch in der Mitte des Trainingsraums. Alle erscheinen hübsch zurechtgemacht und mit strahlenden Gesichtern. «Bun di!», ruft eine Bewohnerin beim Eintreten. Ein Lachen geht bei der rätoromanischen Begrüssung durch die Frauenrunde und zeigt, diese Damen verstehen sich ausserordentlich gut. Wie fit einige der Bewohnerinnen kognitiv noch sind, sehen wir bei der ersten Übung. «Findet ihr die versteckten Ratankugeln?», fragt Doris Tanzer mit einem verschmitzten Lächeln und geht im Raum umher. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. «Du bist gerade an einer vorbeigegangen!», ruft eine Bewohnerin und zeigt auf die rote Kugel zwischen der Fensterdekoration. Auch das ausgefallenste Versteck – die Kugel an der Zimmerdecke – bleibt an diesem Mittwochmorgen nicht unentdeckt. 

White Turf

Mit der nächsten Übung aktiviert Doris Tanzer die Gedanken zu einem der wohl bekanntesten Grossanlässe im Engadin. «Was kommt euch zum White Turf in den Sinn?», fragt sie in die Runde. Schnell kommen Begriffe wie «Champagner», «Pelzmäntel» und «Pferde» von den Bewohnerinnen. Einige berichten ausführlich von ihrem letzten Besuch beim Pferderennen, andere bleiben stumm und hören lieber den Erzählungen ihrer Mitbewohnerinnen zu.

Mit der dritten Übung erhöht Doris Tanzer den Schwierigkeitsgrad. Auf der Tafel steht «Pferdesport». Aus diesem Begriff sollen die Teilnehmerinnen möglichst viele neue Wörter bilden. Mit konzentrierten, angestrengten Gesichtern schauen sie auf die elf Buchstaben. «So schwer war es noch nie!», stellt die Frauenrunde einstimmig fest. Mit gegenseitiger Motivation und der Unterstützung von Doris Tanzer kommt es dennoch zum Erfolgserlebnis: Über 20 neue Wortbildungen stehen schlussendlich auf der Tafel.

Aktivierende Pflege

«Aktivierung ist keine einfache Aufgabe. Denn jeder Bewohner ist anders», so Doris Tanzer. Das sehen wir auch am Ende der Gedächtnistraining-Stunde, als eine Bewohnerin kurzzeitig die Orientierung verliert und sich geistig in der Vergangenheit befindet. Blitzschnell stellt sich die ausgebildete Pflegerin auf die neue Situation ein und führt die Dame mit vertrauensvollen Worten zurück ins Hier-und-Jetzt. Für die Zukunft wünscht sich Doris Tanzer, dass Aktivierung und Pflege mehr zusammenwachsen. Das Problem dabei seien die verschiedenen Schwerpunkte, die gesetzt werden. «In der Pflege ist es in erster Linie wichtig, dass der Mensch angezogen ist, gegessen und Medikamente genommen hat. In der Aktivierung steht die individuelle Beschäftigung des Menschen im Vordergrund», erklärt Doris Tanzer. Dennoch beginnt für sie die Aktivierung bereits in der ­Pflege. «Bettlägerige Menschen werden am Morgen beispielsweise gegen die Haarwurzel gewaschen, damit es belebend wirkt und am Abend in Richtung der Haarwurzel, damit es sie beruhigt. Zudem verwendet die Pflege am Morgen und Abend unterschiedliche Duschgels, damit der Mensch die Tageszeit anhand der zwei verschiedenen Düfte erkennt.» Denn je nach Gesundheitszustand des Bewohners kann das richtige Waschen ebenso aktivierend sein, wie die Suche von versteckten, roten Ratankugeln.