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Alter und Gesundheit

Pro Senectute

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Präsidentin
Pro Senectute

Im Gespräch mit Eveline Widmer-Schlumpf

Sommer 2018
Die Pro Senectute wurde 1917 gegründet und ist die grösste Schweizer Fach- und Dienstleistungsorganisation für Altersfragen. Sie setzt sich für das Wohl, die Würde und die Rechte älterer Menschen ein. 

Seit April 2017 ist Eveline Widmer-Schlumpf Präsidentin der Pro Senectute. Wir haben mit der ehemaligen Bundesrätin über die Gesundheitsversorgung und die Idee, im Oberengadin ein Zentrum für Alter und Gesundheit aufzubauen, gesprochen.

Eveline Widmer-Schlumpf, Präsidentin Pro Senectute
Eveline Widmer-Schlumpf, Präsidentin Pro Senectute

Frau Widmer-Schlumpf, was heisst für Sie “Gesundheit”
und wie halten Sie sich gesund?

Mit Blick auf mein eigenes Alter sind mir die regelmässige Bewegung im Freien, Zeit fürs Musikhören und eine ausgewogene Ernährung wichtig und nicht zuletzt auch, dass ich geistig gefordert werde. Als aktive Grossmutter von sechs Enkelinnen und Enkeln sehe ich hier keinerlei Probleme. Nach meinem Rücktritt aus dem Bundesrat habe ich mir darüber Gedanken gemacht, wo und wie ich mich noch engagieren will. Als Präsidentin von Pro Senectute Schweiz, als Mitglied des Vorstands des Vereins KJBE (Kinder und Jugendliche betreuen, begleiten, bestärken) und als Mitglied in verschiedenen Organisationen treffe ich spannende Leute und werde immer wieder mit neuen Themen konfrontiert. Das sind wichtige Faktoren für ein sinnstiftendes Leben im Alter.

Die Menschen leben länger und es gibt mehr ältere Menschen.
Was bedeutet das für die Gesundheitsversorgung?

Es gibt zwei Trends: Wir werden älter und bleiben länger gesund. Das führt dazu, dass mehr Menschen auch im hohen Alter noch ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden führen werden. Diese Menschen werden aber Unterstützung bei hauswirtschaftlichen Aufgaben benötigen, zum Beispiel beim Einkaufen. Dies alleine den Angehörigen zu überlassen, wird nicht funktionieren. Hier müssen wir neue Wege finden, um die Betreuung so zu organisieren, dass sie für alle bezahlbar bleibt und die Angehörigen nicht ausbrennen. Die Gesundheitsversorgung wird mittelfristig nicht darum herum kommen, Betreuung und Pflege als Ganzes zu behandeln, sowohl was die Finanzierung als auch was die Dienstleistungen betrifft. Ein Gesundheitszentrum kann hier eine wichtige Triage-Funktion übernehmen und dazu beitragen, dass Doppelspurigkeiten vermieden werden.

Wo sehen Sie unterschiedliche Bedürfnisse zwischen
älteren und jüngeren Menschen?

Bei der Prävention gibt es keine, denn diese ist immer wichtig. Es verschieben sich lediglich die Schwerpunkte. Tabakprävention macht bei jungen Menschen mehr Sinn, bei älteren Menschen sind die Sturzprävention und die frühzeitige Diagnose von demenziellen Erkrankungen wichtig. Ganz klar ist zudem die Erreichbarkeit von Dienstleistungen im höheren Alter zentral, gerade in einem Kanton wie Graubünden, mit seinen zahlreichen Tälern und langen Wegen.

 

Was halten Sie von der Idee, im Oberengadin ein “Zentrum für Alter und Gesundheit” aufzubauen?

Ein “Zentrum für Alter und Gesundheit” mit einer Beratungsstelle als Anlaufstelle für Betagte und Betreuende, mit einem Angebot zur Entlastung und Unterstützung von betreuenden Angehörigen, mit interdisziplinärer Zusammenarbeit in der Gesundheitspflege und in der Alterspflege trägt den künftigen grossen Herausforderungen, insbesondere auch der demografischen Entwicklung Rechnung. Es ist von grosser Bedeutung für die Aufrechterhaltung der dezentralen Besiedelung des Kantons und von nicht zu unterschätzender Relevanz für den Tourismus. Ein solches wohnungsnahes Angebot für die Bevölkerung und für Gäste trägt massgeblich zur Standortqualität bei.

Pro Senectute hat als etablierte Fach- und Dienstleistungsorganisation gute Kontakte zu allen möglichen Partnern im Oberengadin. Sie kann somit eine gute Vernetzungsarbeit zwischen den Akteuren leisten.

Das Pflegeheim Promulins in Samedan im Oberengadin.
Das Pflegeheim Promulins in Samedan im Oberengadin.

Ein Zentrum für Altersmedizin ist von grosser Bedeutung für die Aufrechterhaltung der dezentralen Besiedelung des Kantons und von nicht zu unterschätzender Relevanz für den Tourismus.

Braucht das Oberengadin wirklich ein Zentrum für Altersmedizin?
Wieso reicht nicht der gute alte Hausarzt?

Gerade auch in der Altersmedizin ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Teams aus Ärzten, Therapeuten und verschiedenen Pflegepersonen wichtig. Mit einem Zentrum für Altersmedizin sind effiziente, interdisziplinäre Behandlungsmöglichkeiten unter einem Dach gegeben. Der Hausarzt wird weiterhin – nicht zuletzt auch für Seniorinnen und Senioren – eine zentrale Bedeutung haben, und die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen ihm und den Leistungserbringern des Gesundheitszentrums wird sehr wichtig sein.

Pro Senectute ist eine Organisation der sozialen Arbeit. Weshalb soll sich Pro Senectute für ein solches Zentrum für Alter und Gesundheit einsetzen?

Pro Senectute hat als etablierte Fach- und Dienstleistungsorganisation gute Kontakte zu allen möglichen Partnern im Oberengadin. Sie kann somit eine gute Vernetzungsarbeit zwischen den Akteuren leisten. Und die Organisation hat ein profundes Know-how für die Entwicklung von nachhaltigen Lösungen in den Gemeinden, wie zum Beispiel das Projekt “alt werden im Val Müstair” zeigt. Die Bedürfnisse der älteren Bevölkerung wurden abgefragt, in Workshops vertieft und Schritt für Schritt unter Beteiligung der Gemeinde sowie vieler Freiwilliger umgesetzt.

Welche Stärken kann Pro Senectute zur Altersgesundheit beisteuern?

Pro Senectute bietet ein breites Angebot von Anlässen und Kursen im Bereich Bildung und – ganz wichtig – Geselligkeit.
So bleiben Seniorinnen und Senioren sozial eingebunden und länger gesund. Dank unseren Dienstleistungen – z.B. die kostenlose Sozialberatung oder die Freiwilligen des Administrativdienstes, die Seniorinnen und Senioren bei Zahlungen und dem alltäglichen Briefverkehr unterstützen – können ältere Menschen länger und sicher zuhause alt werden. Und nicht zuletzt unser Sportangebot. In all unseren Kursen trainieren ältere Menschen immer auch Kraft und Gleichgewicht. So werden Stürze vermieden; das ist eminent wichtig.

Beim Thema Depression und bei der Suchtprävention klaffen noch einige Lücken. So ist der Alkoholkonsum bei älteren Menschen häufig chronisch und damit weniger sichtbar.