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Rettung Oberengadin

Reportage

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Rettung Oberengadin

Ein Einblick in eine eigene, wichtige Welt

Winter 2017/18
Die Rettung Oberengadin (REO) ist kein gewöhnlicher Rettungsdienst. Sie ist mit Herausforderungen konfrontiert, die andere Rettungsdienste nicht kennen.

Der Mann in marineblauer Einsatzbekleidung, mit festem Händedruck und gutmütigem Blick heisst Ferruccio Pedretti und ist Leiter der Rettung Oberengadin. «Frag besser Florian, er kann gut reden», meint er zur Begrüssung. Florian Flück ist der stellvertretende Betriebsleiter. Das ruhige Gemüt der beiden ist besonders in einem Rettungsdienst wie diesem wichtig. Eine von vielen Herausforderungen seien die saisonalen Schwankungen, sagt Florian Flück; das Einsatzgebiet der Rettung Oberengadin umfasst 14 Gemeinden, von Cinuos-chel im Nordosten, bis nach Maloja im Südwesten. Je nach Saison schwanken die Einwohnerzahlen dieses Gebietes zwischen 10'000 und 100'000 Personen. Das ist eine Herausforderung für die Dienstplanung. Ein Beispiel hierfür ist die Ski-WM 2017: Auf dem Dienstplan waren stolze 50 Rettungssanitäter zur Planung verfügbar. Alle 5 Fahrzeuge waren da im Einsatz und ein zusätzliches Zweierteam im Ziel stationiert. Solche Stand-By-Einsätze nehmen aktuell zu. Auf die Frage, ob das denn nicht langweilig sei, verneinen die Beiden:

Je nach Witterung ist man mit unterschiedlichen medizinischen Problemen konfrontiert und mitten im Geschehen.

So waren am vergangenen Inline-Marathon bei Schneeregen etliche Sportler mit Erfrierungen in Behandlung, obschon man im September durchaus auch mit warmen Temperaturen rechnen könnte. Im Vergleich zu einem Rettungsdienst im Unterland, müssen die Ersthelfer der Rettung Oberengadin vor allem in der Wintersaison immer zwei Feinde gleichzeitig bekämpfen: Das medizinische Problem und die Kälte. Das macht die Arbeit tückisch aber auch spannend. Das Unvorhersehbare mache seinen Job eben gerade so interessant, fügt der grossgewachsene Florian Flück an. «Die Arten der Einsätze sind natürlich auch ganz andere als im Unterland», ergänzt Ferruccio Pedretti bezüglich Besonderheiten. Bei rund 80% sind chirurgische Gebrechen der Grund für einen Ambulanzeinsatz, nur gerade 20% sind medizinischer Art. Chirurgische Einsätze sind beispielsweise Brüche oder Sportverletzungen, medizinische Notfälle beispielsweise ein Herzinfarkt. «Im Unterland, etwa bei Schutz und Rettung Zürich, sind medizinische Einsätze sicher viel häufiger». Das unterscheide das eigentliche Handwerk eines Oberengadiner Rettungssanitäters im Vergleich zum Unterländer massiv:

Durch die Abgeschiedenheit und die topographischen Bedingungen kommt hinzu, dass ein Notarzt nicht immer sofort zur Stelle ist. Das erhöht unsere Kompetenzen.

Im November 2017 wurde in Pontresina mit Unterstützung des Schweizer Instituts für Rettungsmedizin, den Rettungssanitäterkollegen aus dem Puschlav sowie der Alpinen Bergrettung und der Feuerwehr der Ernstfall geübt. Organisator ist Florian Flück, der zu 20% als Feuerwehrkommandant arbeitet und daher gute Beziehungen zu anderen Ersthelfern pflegt. So kommt es, dass sich die Rettung Oberengadin nicht nur intern weiterbildet, sondern jährlich mit Partnern aus der Umgebung und aus anderen Kantonen trainiert. Noch eine Besonderheit des hiesigen Rettungsdienstes im Vergleich zu anderen, sagt Ferruccio Pedretti: Im Unterland würde die Organisation eines solch interdisziplinären, cross-kantonalen Trainings Jahre dauern. Die Absprache mit der Bahn und der Verkehrspolizei seien hier viel unkomplizierter. Dies bestätigte auch ein Berufskollege aus dem Unterland, den Flück in vergangenen Weiterbildungsanlässen als Schiedsrichter einlud:

Ein ähnlicher Event würde im Unterland bis zu 2 Jahre Planung erfordern.

Darauf angesprochen, dass man im Geschäftsbericht trotz den vielen Vorteilen der Rettung Oberengadin von personellen Schwierigkeiten berichtet, relativieren Flück und Pedretti: Während der Saison seien sie durch ihre langjährigen Kooperationspartner sowie einem Freelancer-Pool gut abgedeckt. Einzig eine Veränderung, die spätestens ab 2019 Realität werden wird, stimmt Florian Flück nachdenklich: Der Beruf der Transporthelfer wird aussterben.

Grund dafür sind neue Richtlinien der Dachorganisation des Schweizerischen Rettungswesens IVR. Durch deren Zertifizierung erhält die Rettung Oberengadin die notwendige Betriebsbewilligung. Transporthelfer begleiten jeweils einen Rettungssanitäter als Fahrer. Als nicht medizinische Mitarbeiter sind sie für die reibungslose Fahrt zum Einsatzort, die Unterstützung des Rettungssanitäters vor Ort sowie dem sicheren, schnellen Rücktransport ins Spital zuständig. Er werde die Transporthelfer vermissen, sagt Florian Flück. Aufgefangen wird dieser Verlust durch eine neue Ausbildungspolitik, welche die gesamte Rettungsbranche betrifft. Die Rettung Oberengadin bildet normalerweise jedes Jahr eine/n diplomierte/n RettungssanitäterIn aus. Früher hätten Rettungsdienste nur so viele Lehrstellen angeboten, wie sie selbst benötigten. Flück und Pedretti sind sich einig:

Bilden wir weiterhin für den gesamtschweizerischen Markt aus und nicht nur für unseren Bedarf, ist unsere personelle Zukunft gesichert.